Organspenden können Leben retten. Das weiß fast jeder. Dennoch haben viele Menschen große Bedenken, sich einen Ausweis zu besorgen. Die Politik will das ändern: Sie hat mehrere Vorschläge in der Pipeline. 

„Wir können das Warten nicht aufschieben.“ Das sagt Sina Jürgensen und spricht damit knapp 9.400 Menschen aus der Seele. 9.400 Patienten, die allein in Deutschland auf eine lebensrettende Organtransplantation warten. Die Nieren der 35 Jahre alten Sylterin funktionieren aufgrund einer Erkrankung nicht wie bei gesunden Menschen, und deshalb muss die junge Frau drei Mal in der Woche für jeweils sechs Stunden zur Dialyse – seit mehr als fünf Jahren. Ohne die künstliche Blutwäsche könnte sie nicht überleben. Sina Jürgensen ist für eine Nierentransplantation auf der Warteliste registriert.

Für viele Menschen, denen es ähnlich gehe, zähle jeder Tag, sagt Jürgensen. Jedes Jahr sterben allein in Deutschland Hunderte Menschen, die auf ein Spenderorgan warten. Sie wünscht sich: „Jeder sollte zumindest einmal darüber nachdenken, was er tun würde, wenn er selbst oder ein geliebter, ihm nahestehender Mensch, auf eine Transplantation angewiesen wäre.“

Gerade einmal 955 Menschen haben im vorigen Jahr ihre Organe postmortal gespendet. Das entspricht 11,5 Spen­derinnen und Spendern je eine Million Einwohner. In den Vorjahren lag die Bereitschaft deutlich darunter; auch für 2019 zeichnet sich wieder ein Rückgang ab. Dabei bejaht eine große Mehrheit der Bevölkerung Organspenden. 84 Prozent hatten 2018 eine positive Meinung dazu. Allerdings sorgt diese Einstellung bei nur 36 Prozent dafür, sich als Spender zur Verfügung zu stellen und das mittels Organspenderausweis oder Patientenverfügung zu dokumentieren. 

Ganz im Sinne von Sina Jürgensen fordert nun auch die Politik, dass Menschen sich zumindest einmal in ihrem Leben mit dem Thema Organspende befassen. Fraktionsübergreifend haben Parlamentarier Vorschläge gemacht, wie die Organknappheit zu lösen ist. Noch ist keine Entscheidung gefallen, klar ist aber, dass sich etwas ändern wird. Eine Übersicht über die aktuellen Gesetzentwürfe. 

1. Doppelte Widerspruchslösung:

Dieser Vorschlag würde das heutige Verfahren, bei dem das Einverständnis des Spenders oder seiner Angehörigen notwendig ist, auf den Kopf stellen. Die doppelte Widerspruchslösung sieht vor, dass jeder Mensch jenseits der 18 Jahre nach seinem Hirntod potenzieller Organspender ist, wenn er dem zu Lebzeiten per Eintrag in ein Register nicht widersprochen hat. Angehörige können die Organentnahme ablehnen, wenn sie glaubhaft machen, dass der Tote zu Lebzeiten kein Spender sein wollte, dies aber nicht dokumentiert hat. In 20 von 28 europäischen Ländern gilt diese Regelung. 

2. Stärkung der bestehenden Entscheidungslösung:

Der Gesetzentwurf will die heute bestehende Entscheidungslösung beibehalten und potenzielle Spender (und Nichtspender) regelmäßig, etwa bei der Beantragung eines Personalausweises, über die Organspende informieren. Wenn sie den Ausweis abholen, werden sie um eine Entscheidung gebeten. Diese soll in einem bundesweiten Online-Register gespeichert werden. Liegt sie nicht vor, können auch die Angehörigen des Verstorbenen in dessen Sinn entscheiden. 

3. Vertrauenslösung: 

Dieser Vorschlag verlangt eine Vertrauenslösung für die Organspende. Eine Steigerung der Spenderzahlen setze unbedingtes Vertrauen in das geschaffene System voraus, heißt es in dem Antrag. Eine freie Entscheidung sei nur in Kenntnis der medizinischen Vorgänge möglich, die einer Transplantation vorausgingen. Die derzeitige Praxis habe demnach nicht zu mehr Transparenz, sondern zu mehr Skepsis geführt. Wesentlich ist, dass das gesamte Verfahren der Transplantation durch öffentlich-rechtliche Organisationen geregelt wird, die es auch kontrollieren.

Pro Widerspruchslösung

Organspenden retten Leben. Die meisten Menschen wissen das, und dennoch hat längst nicht jeder einen Ausweis. Vermutlich haben sich viele noch gar nicht mit dem Thema auseinandergesetzt – wer beschäftigt sich schon gern mit dem eigenen Tod? Die regelmäßige Aufklärung durch Krankenkassen, millionenteure Werbeclips und gute Worte bringen offensichtlich wenig. So sterben jeden Tag Menschen, während sie auf ein Spenderorgan warten. Mit der Widerspruchslösung würde sich das schnell ändern. Wer nicht widerspricht, ist automatisch Spender. Punkt. 

Am Grundsatz der Freiwilligkeit ändert sich dadurch übrigens nichts. Lediglich die Erklärungslast verkehrt sich: Wer nach seinem Tod nicht als Organspender zur Verfügung stehen will, gibt einmalig eine entsprechende Erklärung ab – und ist raus aus der Nummer. Die Menschen würden allerdings gezwungen, sich zumindest einmal mit der Frage nach der eigenen Endlichkeit zu beschäftigen. Mit Bevormundung hat das nichts zu tun – und der Staat wird dadurch auch nicht zum Organverteiler. 

Dass die Widerspruchslösung der richtige Ansatz ist, zeigt das Beispiel Spanien. Dort wird es so gehandhabt, wie in den meisten anderen europäischen Ländern auch. Wer seine Organe nach dem festgestellten Hirntod nicht spenden will, muss dem zu Lebzeiten widersprechen. Spanien ist in Sachen Organspende vorbildlich, nirgendwo anders in Europa werden mehr Organe transplantiert als dort. Viermal mehr Menschen als in Deutschland spenden dort nach ihrem Tod Organe. Das zeigt eindeutig: Mit der Widerspruchslösung wird die Organspende zum Regelfall. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. So wie es auch bei uns sollte. 

Pro Entscheidungslösung

„Nimm du so gern, als ich dir geb.“ Ein Satz, den Gotthold Ephraim Lessing seiner Hauptfigur im Drama „Nathan der Weise“ in den Mund gelegt hat. An Organspenden wird der Dichter nicht gedacht haben. Lessing hatte Humanismus und Aufklärung im Sinn. Mit Zwang vertragen beide sich nicht besonders gut, und schon gar nicht mit dem Sinn eines Geschenkes. 

Genau das ist eine Organspende. Ein Geschenk. Ein geschenktes Leben im besten Fall. Wer daraus einen Zwang mit eingebauter Opt-out-Möglichkeit macht, riskiert völlige Ablehnung. Ein Bärendienst für all jene, die auf eine Niere, ein Herz oder eine Spenderleber warten. Menschen sind keine Ersatzteillager. Wer aber unfreiwillig zum Organspender wird, dürfte genau dieses Gefühl haben. 

Der richtige Weg ist, potenzielle Organspender regelmäßig und mit Nachdruck nach ihrer Meinung zu befragen. Wer sich einer Erklärung verweigert, muss nicht mit Sanktionen rechnen, wird aber nochmal gefragt. Und nochmal, und nochmal. Etwa, wenn er eine neue Gesundheitskarte, einen neuen Personalausweis, Führerschein oder ein anderes Dokument beantragt. Penetranz ersetzt keine Akzeptanz, das ist richtig. Aber das macht ein Zwang zum Spenden ebenfalls nicht. Im Gegenteil: Es ist zu befürchten, dass eine Widerspruchslösung am Ende zu weniger Organspenden führt. Weniger als bisher. Das kann niemand wollen.

Text Olaf Steinacker

Weitere Info:
Weitere Infos zum Thema Organspende gibt es im beiliegenden Flyer oder im Internet bei der Deutschen Stiftung Organspende und der Bundeszentrale für gesundheitlichen Aufklärung unter www.dso.de und www.bzga.de.