Das Bergische Land ist als Bierbrauregion wenig bekannt. Dennoch hat das Thema Gerstensaft hier seinen festen Platz. Was Gutes im Bier steckt und wo man es aus heimischer Produktion bekommt, hat Ira Schneider recherchiert.

Ältestes Kulturgetränk der Menschheit

„Wer kein Bier hat, hat nichts zu trinken.“ – Dieser Ausspruch von Reformator Martin Luther weist auf eine tiefere Bedeutung des Bieres hin. In früheren Zeiten war es nicht nur reines Genussmittel, sondern auch notwendiges Lebensmittel. Denn der Getreide- bzw. Kräutersud stellte das einzige keimfreie Massengetränk seiner Zeit dar. Bereits die alten Ägypter bereiteten vor über 6.000 Jahren aus vergorenem Brotteig eine Vorform des Bieres. Auch bei den Römern und Griechen gehörte die Bierherstellung noch vor der Weinbereitung zum Alltag. 

Hopfen und Malz – Gott erhalt’s

Im Mittelalter nahmen sich die Mönche in den Klöstern des professionellen Bierbrauens an, kultivierten Hopfengärten und betrieben zugunsten der vielen Pilger ein florierendes Schankwesen. Seit 1516 regelt ein Reinheitsgebot, das wohl älteste heute noch gültige Lebensmittelgesetz der Welt, welche Zutaten in das Getränk dürfen. Denn es war bis dahin viel gepanschtes Bier im Umlauf und die Würzzusätze waren mitunter sogar halluzinogen oder giftig. Daher enthält deutsches Bier bis heute nur Wasser, Hopfen, Hefe und Malz. 

Bierbrauen war Frauensache

Auch Martin Luthers Ehefrau, die ehemalige Nonne Katharina von Bora, verstand sich bestens auf die Bierbereitung. Sie war im Kloster sogar zur Braumeisterin ausgebildet worden und betrieb später auf dem häuslichen Anwesen der Familie eine Braustätte mit Wasser aus der hauseigenen Quelle. 

In früheren Zeiten war die private Bierherstellung Aufgabe der Hausfrau. Das gemälzte Getreide wurde zunächst geschrotet, dann mit Wasser vermischt und in einer kupfernen Pfanne unter Rühren erhitzt. Die gewonnene Maische filterte man und kochte den Sud mit Hopfen auf. Sobald die heiße Würze auf ihre optimale Gärtemperatur heruntergekühlt war, gab man die Hefe dazu – der Reifungsprozess konnte beginnen. An diesem Grundprinzip hat sich bis heute nichts geändert.

Untergärige und obergärige Biere

Louis Pasteur fand 1822 durch seine Forschung an Pilzkulturen heraus, dass es untergärige und obergärige Hefen gibt. Während untergärige Hefen beim Brauprozess nach unten sinken, steigen obergärige wegen der größeren Zell­oberfläche nach oben. Beide Hefearten benötigen andere Umgebungstemperaturen, vergären den Zucker unterschiedlich und bringen somit einen anderen Geschmack in das Bier. In früheren Zeiten konnte man nur bei kühlen Außentemperaturen (4 bis 10 Grad Celsius) Biere wie Pils, Lager oder Export nach der untergärigen Brauart herstellen. In der wärmeren Jahreszeit (15 bis 25 Grad) hingegen gab es dann obergärige Biere wie Kölsch, Alt oder Weizen. Mit Aufkommen der Industrialisierung, die neue Erfindungen wie die Heißluftdarre oder die Kältemaschine mit sich brachte, war man in der Lage, das Brauwesen auszubauen und die Brauprozesse gezielt zu steuern. Viele durstige Arbeiter in den Fabriken gab es außerdem.

Bergische Brauereien

Während man Wuppertal seit 1845 mit der Biermarke Wicküler verbindet, hat der oberbergische Ort Wiehl-Bielstein im Laufe der Zeit den Titel „Bierdorf“ erlangt. Nicht aus einer Bierlaune heraus, sondern aus einer wirtschaftlichen Notlage setzte Ernst Kind eine für das Oberbergische Land eher ungewöhnliche Gründeridee um: Als die Spinnerei und Reißerei, die er mit seinem Schwager betrieb, nicht mehr lief, wechselte Ernst Kind vom Faden zum Bier über. Er erlernte das Bierbrauen in der bayerischen Brauerschule Weihenstephan. 

Vom Faden zum Bier

Am 5. September 1900 verließ das erste Bier die damals neu gegründete Adler Brauerei. Die Lage an der 1897 gegründeten Wiehltalbahn erwies sich dabei als ideal, um Rohstoffe anzuliefern und den fertigen Gerstensaft zu transportieren. Die Kooperation mit der Schwesterbrauerei im Siegtal führte 1979 zu einer Namensänderung in Erzquell Brauerei. Neben dem feinherben, schlanken „Zunft Kölsch“ produziert die Brauerei als Hauptsorten das hopfenbetonende „Erzquell Pils“ und das Bergische Landbier, welches eine dunkle obergärige Bierspezialität mit vollmundiger Spezialmalznote ist. Bierbrauseminare, Führungen und ein Bierweg rund um Bielstein machen die bergische Geschichte des Gerstensafts für Bierfreunde heute lebendig.

Bier und Gesundheit – Inhaltsstoffe von Bier

Kaum einem anderen Getränk werden von Natur aus so viele gute Eigenschaften zugesprochen wie dem Bier. Mehr als 1.000 verschiedene Inhaltsstoffe sind im Gerstensaft zu finden, allen voran B-Vitamine, Mineralstoffe und Spurenelemente wie Eisen, Kupfer, Phosphor und Zink. Einigen Wirkstoffen im Bier wird – wenn man das Getränk in Maßen genießt – sogar eine entzündungshemmende Wirkung nachgesagt, die vergleichbar ist mit der von grünem oder schwarzem Tee oder von Wein. 

Bierspezialitäten im Trend – da braut sich was zusammen

Während der Bierkonsum bundesweit seit Jahren abnimmt, gibt es im Gegenzug immer mehr kleinere Hausbrauereien. Der Trend gegen den Massegeschmack ruft kreative, handwerklich gebraute Biere nach althergebrachten Rezepturen hervor. Auch in Altenberg-Odenthal ist man auf die Idee gekommen, ein Bier nach herkömmlicher Methode zu brauen. Denn bereits im 17. Jahrhundert wurde hier auf Burg Strauweiler und später bis ins 19. Jahrhundert im Ort selbst Bier gebraut.

Landbier mit dem Odenthaler

Das „Landbier mit dem Odenthaler“ ist seit 2007 auf dem Markt und stellt eine Reminiszenz an die alte lokale Bierspezialität dar. Familie Tönnies, die den Rewe-Markt in Odenthal betreibt, lässt das obergärige, süffig schmeckende und trübe Landbier in der Korschenbroicher Privatbrauerei Bolten brauen. Für Wanderungen und Betriebsausflüge bietet die Familie Tönnies außerdem an, das Bier in einem historischen Löschfahrzeug zu genießen.

Text Ira Schneider

Bierwandern

www.bergisches-wanderland.de
(Bierweg, Bergischer Streifzug Nr. 17)

Bierbrauseminare und Führungen
www.erzquell.de

freilichtmuseum-lindlar.lvr.de
(Förderverein braut eigenes Bier)

wuppertaler-brauhaus.de

www.craftbeer-kiosk.de
(mit Craft Beer Akademie)

Landbier mit dem Odenthaler
www.rewe-odenthal.de

Brauhäuser mit lokalen Bierspe­zialiäten und Saisonbieren:
wuppertaler-brauhaus.de
www.brauhaus-gummersbach.de
www.siegburger-brauhaus.de