Unterstützung mindert Barrieren

Es ist normal, verschieden zu sein. Nicht alle Menschen haben von Geburt an die gleichen Chancen. Manche kommen zu früh oder mit einer Behinderung auf die Welt, andere entwickeln sich langsamer oder verhalten sich auffällig. Die Lebenshilfe Ortsvereinigung Solingen ist Träger von vier Gesellschaften, die sich alle um die Belange von Menschen mit Behinderungen kümmern. Sie begleiten die Betroffenen und ihre Familien als Ansprechpartner und Unterstützer im Alltag – manchmal ein Leben lang.

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Bei vielen fangen die Sorgen schon früh an. „Ein Großteil der Kinder, die wir heute betreuen, ist entwicklungsverzögert“, sagt Dipl. Heilpädagogin Bärbel Dafeld. Die Gründe seien vielfältig: zum Beispiel Frühgeburten, Armut, Migration oder Drogenkonsum im Elternhaus. „Wir nehmen Kinder heute anders wahr als früher, gucken genauer hin und fördern eher“, sagt Bärbel Dafeld. Sie leitet die Frühförder- und Beratungsstelle der Lebenshilfe an der Alexander-Coppel-Straße.

Seit rund 40 Jahren ist die Einrichtung ein wichtiger Baustein der Lebenshilfe. Sie bietet Unterstützung für Eltern an, die sich um die Entwicklung ihres Kindes sorgen und betreut aktuell 150 Solinger Kinder. Das 14-köpfige Team hilft nicht nur mit Beratung weiter, sondern auch mit ambulanter und mobiler heilpädagogischer Einzelförderung, sowie in Eltern-Kind-Spielgruppen oder Familien- Gesprächskreisen. Die gemeinsame Erziehung von Kindern mit und ohne Behinderung steht im Zentrum der Arbeit des inklusiven Familienzentrums Alsenbande. In der Einrichtung leben und lernen Kinder zwischen drei und sechs Jahren in Kleingruppen miteinander.

Die Angebote der Lebenshilfe in Solingen richten sich jedoch nicht nur an kleine Menschen und ihre Familien, sie umfassen auch Bildungsangebote und Arbeitsplätze für Erwachsene mit Behinderung oder psychischer Erkrankung. In den Werkstätten der Lebenshilfe und den eigenen Inklusionsbetrieben sind rund 600 Menschen mit Behinderung beschäftigt. „Im Mittelpunkt der Arbeit steht bei uns immer der Mensch mit seinen individuellen Fähigkeiten und Bedürfnissen“, sagt Torsten Klein-von Ondarza, Leiter für den Fachbereich Berufsbildung und Rehabilitation. „Wir sehen uns nicht als Einrichtung, sondern als Sozialunternehmen. Unsere Aufgabe ist es nicht, Gewinne zu erwirtschaften, sondern Menschen zu fördern und ihnen berufliche Chancen und Perspektiven zu zeigen“, sagt er. In den Werkstätten können Menschen eine Beschäftigung finden, die nicht, noch nicht oder nicht mehr auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt beschäftigt werden können.

Nach Abschluss der beruflichen Bildung können sie in den eigenen Werkstätten, Außenarbeitsgruppen in örtlichen Unternehmen oder in den Inklusionsbetrieben arbeiten. Die Lebenshilfe Solingen hat mehrere Integrationsunternehmen gegründet, um Menschen mit Behinderung eine Beschäftigung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu bieten. Dazu gehört auch der Gastronomiebetrieb Haus Müngsten an der bekannten, gleichnamigen Eisenbahnbrücke. Dort arbeiten Menschen mit und ohne Behinderung im Team zusammen. „Ihrer Eignung entsprechend bereiten wir Einzelne gezielt auf eine Vermittlung in den allgemeinen Arbeitsmarkt vor“, erklärt Marieke Wax, Integrationsbeauftragte bei der Lebenshilfe. Ziele der Lebenshilfe sind umfassende Teilhabe und Inklusion.

Während Marieke Wax und Torsten Klein-von Ondarza von der Förderung berichten, die die Beschäftigten bei der Lebenshilfe erfahren, herrscht eine Etage unter ihnen, in der Werkstatt an der Freiheitstraße, geschäftiges Treiben. Dort verpacken die Mitarbeiter gerade Küchenmesser für einen lokalen Schneidwarenhersteller. Produkte, an denen Lebenshilfe-Mitarbeiter aus Solingen mitgewirkt haben, findet man im örtlichen Handel, sie gehen aber auch in die ganze Welt hinaus. Die Lebenshilfe kooperiert dabei mit vielen Solinger Unternehmen. „Die Wirtschaft vor Ort spielt toll mit“, sagt Torsten Klein-von Ondarza. 80 Mitarbeiter der Lebenshilfe übernehmen am Standort des Traditionsunternehmens Zwilling J. A. Henckels an der Grünewalder Straße beispielsweise Verpackungs- und Konfektionierungsarbeiten. Andere arbeiten an weiteren Standorten in der Metallverarbeitung und Elektromontage, in Hauswirtschaft und Küche oder im Garten- und Landschaftsbau. Mit Beratung, Bildung und Arbeit hilft die Solinger Organisation Menschen mit Beeinträchtigungen dabei, Chancen zu schaffen und ein selbstbestimmtes Leben zu führen. „Unsere Aufgabe ist es nicht, einen Mangel zu verwalten, sondern auf Augenhöhe Perspektiven für Menschen aufzuzeigen“, sagt Dipl. Heilpädagogin Bärbel Dafeld. „Und dabei können wir selbst so viel von anderen lernen: Dankbarkeit und Lebensfreude“, sagt sie.

Auch in anderen Städten im Bergischen Land begleitet die Lebenshilfe Menschen mit Behinderung: In der kommenden Ausgabe widmet sich die informiert! der Lebenshilfe Wuppertal.

Übrigens
DIE BERGISCHE unterstützt die Arbeit der Lebenshilfe für Menschen mit geistiger Behinderung. Ihre Weihnachtsgrußkarten lässt die BERGISCHE von der Lebenshilfe drucken. Außerdem werden in den Lebenshilfe-Werkstätten die hauseigenen Informationsmappen für Kunden zusammengestellt.

TEXT Hannah Blazejewski FOTOS Lebenshilfe Wuppertal